15. November 2018

Der Staatsfunk kriegt die Krise

Quelle: jungefreiheit.de

Zwangsgebühren: Selbstreflexion findet nicht statt – Foto: Thomas Schneider/agwelt

von Michael Paulwitz

Die Staatsfunker haben es gerade auch nicht leicht. Die Zeiten, wo es noch als Kompliment genommen wurde, wenn der „Tagesschau“-Mann für einen Regierungsoffiziellen gehalten wurde, sind dahin. Fangen die Leute erst mal an, ihrer politischen Klasse nicht mehr zu trauen, glauben sie auch deren treuen Sprachrohren mit der Zeit kein Wort mehr.

Aber die denken gar nicht daran, vom hohen Roß herunterzusteigen und sich zu fragen, ob’s vielleicht an ihnen selbst liegen könnte, wenn die Zuschauer sie allmählich satt haben. So durchtränkt sind Deutschlands öffentlich-rechtliche Zwangsgebührensender von der Wichtigkeit der selbstauferlegten Mission, Nachrichten und Ereignisse nicht einfach nur zu berichten, sondern gleich mit dem richtigen Dreh „einzuordnen“, daß sie wahlweise beleidigt oder schlicht verständnislos reagieren, wenn man ihnen ihre Einseitigkeit und Voreingenommenheit mal vorhält.

„Tagesschau“ dreht Buhrufe lauter

So wie Kai Gniffke, der Chefredakteur von ARD-aktuell, nachdem kritischen Zuschauern mal wieder eine Manipulation in der „Tagesschau“ aufgefallen war: In einem kurzen Ausschnitt aus der Rede von Donald Trump beim Weltwirtschaftsforum in Davos war an der Stelle, als der US-Präsident Teile der Medien als „verlogen“ angriff, bei vereinzelten Buhrufen der Ton hochgeregelt worden wie beim Tonband-Gelächter in einer Klamauk-Serie. Völlig normal, schreibt Gniffke, wenn der Journalist vermitteln will, daß gebuht wurde, muß er das auch belegen.

Und wenn’s sonst nicht zu hören ist, dreht man halt lauter. Da sei „nichts dazuerfunden“. Mal abgesehen davon, daß, wie inzwischen mehrere Teilnehmer der Veranstaltung berichteten, die Buhrufe aus dem Journalisten-Block im Saal selbst gekommen sein sollen. Was nicht paßt, wird passend gemacht.

Tina Hassel gerät beim Grünen-Parteitag in Ekstase

Gar nicht groß aufdrehen mußte die „Tagesschau“ den Ton bei ihren Berichten von der außerordentlichen Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen, bei der das neue Führungsduo Robert Habeck und Annalena Baerbock gewählt wurde – Hauptstadtstudio-Chefin Tina Hassel, sonst Merkel-Groupie vom Dienst, war als Korrespondentin derart in Ekstase geraten, daß sie nicht nur vor der Kamera, sondern auch über die sozialen Medien eine Jubelmeldung nach der anderen abfeuerte.

Beide Verhaltensweisen sind charakteristisch für die riesige und komfortable Filterblase, in der sich ARD und ZDF und ihre unzähligen Ableger bewegen. Kritik und Selbstreflexion sind in dieser Welt verpönt. Man tut so, als hätte man immer noch das Welterklärungsmonopol wie zu Zeiten, als es nur ARD, ZDF und die „Dritten“ gab.

Man versichert sich in Gesprächssendungen, bei denen man untereinander bleibt, daß im Internet da draußen eh vor allem Schmutzfinken unterwegs seien und der wahre Qualitätsjournalismus doch bei ihnen zu Hause sei. Man bestätigt sich gegenseitig mit Fernsehpreisen und Studien, die den Öffentlich-Rechtlichen das ungebrochene Vertrauen des Publikums bescheinigen. Echte finanzielle Sorgen haben die Sender dabei keine; die Gebührenmilliarden fließen ja sowieso, und seit sie wie eine Steuer von jedem Haushalt eingetrieben werden, Fernseher oder nicht, sogar noch etwas üppiger.

Qualität bleibt auf der Strecke

Kommt Kritik auf am teuersten öffentlich-rechtlichen Rundfunksystem der Welt – zuletzt bemängelte sogar die sonst so treusorgende Gebühren-Kommission KEF die Ineffizienz und die mangelnden Sparbemühungen der ARD sowie die hohen Produktionskosten –, ist man wieder beleidigt. Qualität habe eben ihren Preis, mault die ARD-Finanzkommission zurück.

Dumm nur, daß man so wenig davon sieht. Aber die schönen Pensionen und die großzügigen Gehälter in den Chefetagen haben eben auch ihren Preis, und nicht minder der Filz aus Produktionsgesellschaften und Tochterfirmen, an denen so mancher kräftig mitverdient. Daß man der Hand, die einen so zuverlässig füttert, etwas schuldig ist, weiß man bei ARD und ZDF gleichermaßen. Seit Angela Merkel die Union erst sozialdemokratisiert und dann durchgrünt hat, muß sich auch die rot-grüne Mehrheit im öffentlich-rechtlichen Journalistenchor keinerlei Zwang mehr antun.

In weniger beachteten Sparten wie dem „Kinderkanal“ KiKA, der sich an 3- bis 13jährige wendet, darf von Islamisierungs-Romantik bis Frühsexualisierungs-Besessenheit jedes ideologische Steckenpferd geritten werden. Und in den als „Information“ deklarierten Sendungen der Hauptprogramme weiß man auch, was sich gehört: Da kommt dann eine mißliebige Partei wie die AfD im Zweifelsfall nicht vor, wenn es nichts zu skandalisieren gibt, und in die diversen Talksendungen lädt man auch zigmal lieber Grüne oder Linke ein als Vertreter der drittgrößten Bundestagspartei.

Rollenverteilung in Talkshows ist vorgeschrieben

Holt man doch einen ins Studio, wie zuletzt die ZDF-Sendung „Berlin direkt“ den AfD-Partei- und Fraktionschef Alexander Gauland, sind die Rollen klar verteilt: Der AfD-Mann wird auf „Provokation“ und „Opferrolle“ festgenagelt, bei Grünen, CDU und SPD verkündet man dagegen Aufbruch, Hoffnung und Erneuerung.

Gewiß: Auch private Sender, Zeitungen und Zeitschriften schwimmen in diesem Hauptstrom. Auch Spiegel, Zeit und Süddeutsche singen peinliche Jubelarien auf die Grünen. Aber die Privatsender kann man abschalten, ohne sie trotzdem bezahlen zu müssen. Tendenziöse Zeitungen kann man – was immer mehr Leser auch tun – einfach abbestellen oder am Kiosk liegenlassen. Und im Internet besteht eine Gegenöffentlichkeit, die kein Zensurminister auf die Dauer kleinkriegen wird.

Das alte Deutungsmonopol der GEZ-Medien kommt nicht wieder. Wer dem demokratischen Diskurs etwas Gutes tun will, der schafft die Zwangsgebühren ab, statt sie in „Demokratieabgabe“ umzutaufen, stutzt die öffentlich-rechtlichen Sender auf Normalmaß und läßt sie den frischen Wind des Wettbewerbs spüren.

JF 6 / 18