21. November 2018

„Die Welt gehört Gott und nicht Google“

Quelle: idea.de

Kontroverse Meinungen zu „Street View“ bei Kirchen und Evangelikalen. Foto: Flickr.com/Racum

Kontroverse Meinungen zu „Street View“ bei Kirchen und Evangelikalen. Foto: Flickr.com/Racum

Stuttgart/Frankfurt am Main (idea) – Das systematische Fotografieren von Deutschlands Straßenansichten durch den Internet-Dienst Google hat eine heftige öffentliche Debatte ausgelöst. Auch in den Kirchen und der evangelikalen Bewegung bestehen kontroverse Meinungen. Das ergab eine Umfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur idea.
 

Für das Projekt „Street View“ (Straßen-Ansicht) will Google Autos durch zunächst 20 deutsche Städte schicken, um alle Häuser elektronisch aufzunehmen und die Bilder weltweit zugänglich zu machen. Der Dienst soll im November starten. Kritiker befürchten einen unzulässigen Eingriff in ihre Privatsphäre und raten zum Widerspruch gegen eine Veröffentlichung. Das Bundesministerium für Verbraucherschutz hat dafür ein Musterschreiben entworfen. Es rechnet mit mehr als 200.000 Einsprüchen bis zum Jahresende.

EKD-Ratsmitglied gegen Befriedigung von Neugier

Die zum Rat der EKD gehörende Erzieherin Tabea Dölker (Holzgerlingen bei Stuttgart) will gegen eine Veröffentlichung ihres Hauses Widerspruch einlegen. Sie könne in „Street View“ keinen Sinn erkennen. Das Programm diene nur zur Befriedigung von Neugier. Die von den Befürwortern genannten Vorteile stünden in keinem Verhältnis zu den Risiken. Der künftige Generalsekretär des CVJM-Gesamtverbandes in Deutschland, Roland Werner (Marburg), hält es ebenfalls für nicht nötig, „dass man überall auf der Welt erfährt, wie ich wohne“. In der technisierten Welt müsse ein Rest von Privatsphäre gewahrt bleiben. Der Medienbeauftragte der EKD und der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF), Oberkirchenrat Markus Bräuer (Frankfurt am Main), plädiert für eine differenzierte Betrachtung. So wie er selbst nutzten viele Menschen „Street View“-Aufnahmen aus anderen Ländern, um sich über Urlaubsgegenden, Hotels oder Freizeitangebote zu informieren. Wer diese Möglichkeiten schätze, könne keine Einwände gegen Ähnliches im eigenen Land haben. Problematisch sei es, wenn auf den Aufnahmen Gesichter oder Autokennzeichen erkennbar seien. Geradezu gefährlich sei es, die Standorte von Alarmanlagen und Überwachungskameras abzubilden. Deshalb müsse man unbürokratisch Widerspruch einlegen können. Seine eigene Wohnung befinde sich in einem Pfarrhaus, das als öffentliche Einrichtung keiner besonderen Schutzwürdigkeit unterliege, so Bräuer.

Personen unkenntlich machen

Auch die badische Landeskirche sieht in dem Projekt einige Vorteile. „Wir wollen von den Menschen gefunden werden“, erklärt Oberkirchenrätin Karen Hinrichs (Karlsruhe). Ein generelles Löschen der mehr als 1.300 Kirchengebäude und Gemeindehäuser in den virtuellen Stadtansichten werde nicht empfohlen. Kritisch sei aber die Online-Erfassung von Kindergärten oder Pfarrhäusern. Auf den dreidimensionalen Straßenansichten dürfe niemand zu erkennen sein. „Die Welt gehört Gott und nicht Google“, so die Begründung der Planungsreferentin Hinrichs. Bei der Evangelisch-methodistischen Kirche bestehen keine Einwände, Kirchengebäude abzulichten, da diese öffentlich seien. Allerdings dürften keine Personen identifizierbar sein. Ob Wohnhäuser von Pastoren ins Netz gestellt werden sollten, müssten die Kirchenbezirke und Gemeinden entscheiden. Der EKD-Synodale und Sprecher der „Lebendigen Gemeinde“ in der württembergischen Landessynode, Dekan Volker Teich (Schorndorf bei Stuttgart), sieht keine Probleme. Die Wiedergabe von Hausfassaden unterscheide sich nicht grundsätzlich von den „Google“-Luftaufnahmen, die gern zur Orientierung in fremden Gegenden genutzt würden. Auch dabei könne man bis in die Gärten schauen.