10. Dezember 2018

Afghanistan: Wer tötete christliche Helfer?

Quelle: idea.de

IAM-Direktor Dirk R. Frans: Ein „opportunistischer Angriff einer Gruppe auswärtiger Kämpfer“. Foto: PR

IAM-Direktor Dirk R. Frans: Ein „opportunistischer Angriff einer Gruppe auswärtiger Kämpfer“. Foto: PR

Kabul (idea) – Die Hintergründe der Ermordung von zehn Mitarbeitern einer christlichen Hilfsorganisation in Afghanistan werden immer rätselhafter. Kurz nach der Bluttat am 5. August hatten sich die radikal-islamischen Taliban zu dem Verbrechen bekannt.
 

Zur Begründung gab ihr Sprecher, Zabiuzllah Mujahid, an, die acht Christen – sechs US-Amerikaner, eine Engländerin und eine Deutsche – seien Spione und christliche Missionare gewesen. Außerdem wurden zwei Afghanen getötet. Inzwischen verurteilte jedoch ein Vertreter der Taliban in der Provinz Nuristan, wo das Team vor allem Augenkranke behandelt hatte, die Morde. Er spreche den Angehörigen der „redlichen“ Entwicklungshelfer sein Beileid aus, sagte Qari Malang, Kommandeur der „Taliban-Front von West-Nuristan“, dem Informationsdienst Afghanistan Analysts Network (AAN). Er würdigte insbesondere die jahrzehntelange humanitäre Arbeit von Teamleiter Dan Terry. Der US-Amerikaner war wie die anderen Getöteten im Auftrag der International Assistance Mission (IAM) tätig, die seit 44 Jahren mit staatlicher Genehmigung in Afghanistan medizinische Hilfe leistet. Anfangs war auch vermutet worden, die Helfer könnten einem Raubüberfall zu Opfer gefallen sein; doch diese Möglichkeit, die auch von der Deutschen Evangelischen Allianz angeführt wurde, hat IAM-Direktor Dirk R. Frans (Kabul) verworfen. Man gehe aufgrund eigener Nachforschungen davon aus, dass es sich um einen „opportunistischen Angriff einer Gruppe auswärtiger Kämpfer“ gehandelt habe.

„Es war eine Massenhinrichtung“

Auch laut AAN war es kein Raubüberfall, sondern ein vorsätzliches Tötungsdelikt. In einem Blog des Informationsdienstes wird Taliban-Sprecher Mujahid scharf kritisiert. Das Vorgehen – die Opfer wurden nach einer Flussüberquerung ohne Vorwarnung erschossen – stehe im Widerspruch zu den Kriegsregeln der Taliban. Man habe den Verdächtigen keine Chance gegeben, sich zu erklären oder verbal zu verteidigen. „Es war eine Massenhinrichtung, und die Motivation war allem Anschein nach der Wunsch, Nicht-Muslime zu töten, ganz egal was sie getan oder nicht getan haben.“ Zeitungsberichten zufolge lassen die unterschiedlichen Reaktionen verschiedener Taliban-Organe auf Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Gruppierung schließen.

Kamen die Täter aus Pakistan?

Das Nachrichtenmagazin Focus (München) hatte berichtet, es gebe Hinweise, wonach die Täter aus dem benachbarten Pakistan kamen. Auch dort operieren die Taliban. Das IAM-Team hatte im Parun-Tal (Nuristan) vor allem Mütter und Kinder medizinisch untersucht und behandelt. Dort leben etwa 50.000 Menschen ohne ausreichende Gesundheitsversorgung. Die Entwicklungshelfer waren auf dem Rückweg durch die Provinz Badachschan. Am 5. August wurden ihre Leichen in der Nähe ihrer Fahrzeuge aufgefunden. IAM verzichtet nach eigenen Angaben auf jegliche Missionierung.

Abschied von getöteter Chemnitzerin

Die Getöteten sind inzwischen beigesetzt worden. Die Anführer des IAM-Teams, Tom Little (61) und Dan Terry (63), wurden am 21. August auf dem britischen Friedhof in Kabul in Anwesenheit von US-Botschafter Karl Eikenberry zur letzten Ruhe geleitet. In Chemnitz nahmen am 20. August rund 400 Menschen unter starken Sicherheitsvorkehrungen Abschied von der 35-jährigen Dolmetscherin Daniela Beyer. Der sächsische Landesbischof Jochen Bohl (Dresden) lobte in einer Ansprache die Verstorbene: „Das Liebesgebot war Danielas Antrieb. Es ist gut, sehr gut, dass sich Menschen rufen lassen, um ihren fernen Nächsten zu dienen. Dafür sind wir ihnen zu Dank verpflichtet!“