31. Oktober 2020

Bläh-Bau Kanzleramt und das geplünderte Volk

Der Journalist, Moderator und Bestsellerautor Peter Hahne. Foto: Thomas Schneider/agwelt

Von Peter Hahne

Wie weit sich die gegenwärtige „große“ Koalition plus Opposition vom Volk entfernt haben, sieht man an diesem Irrsinn, der nur dem realitätsfernen Denken einer üppig bestallten Parallelgesellschaft entsprungen sein kann.

Komisch, dass ich dabei immer an Nordkorea, China oder den Prunkpalast des Diktators Erdogan denken muss. Hilfsweise auch an Oskars „Palast der sozialen Gerechtigkeit“ im Saarland. Die Herrschenden, ganz gleich welcher Couleur, verstehen es prächtig, mit Prachtbauten zu protzen. Zumeist auf Kosten des Volkes. Bestes Beispiel: der als „Erweiterungsbau“ verniedlichte 600 Millionen teure „Anbau“ des Berliner Kanzleramtes. Kein Aufschrei im Corona-gequälten Volk! Und wo bleibt die viel gerühmte Wächterfunktion der Medien?

Es ist den Berliner Zeitungen wie der Morgenpost sowie BILD und BZ zu verdanken, dass 80 Millionen Deutsche an populärer Stelle ins Bild gesetzt werden. Chefkommentator Gunnar Schupelius, der sich nicht einschüchtern läßt, wenn Linksextremisten sein Familienauto abfackeln, fordert heute unmissverständlich einen sofortigen Baustopp. Dem kann man sich als vernünftig denkender Mensch nur anschließen. Denn auch hier (und nicht nur in der gescheiterten Flüchtlingspolitik) gilt der uralte (und inzwischen wohl einkassierte) Satz von Wolfgang Schäuble: Wieviel Toleranz verträgt das Volk? Irgendwann ist die Grenze der Zumutbarkeit überschritten.

Wie weit sich die gegenwärtige „große“ Koalition plus Opposition vom Volk entfernt haben, sieht man an diesem Irrsinn, der nur dem realitätsfernen Denken einer üppig bestallten Parallelgesellschaft entsprungen sein kann. Wandlitz oder der „Palast der Republik“ lassen grüßen! Da ja fast jeder Politiker glaubt, er könne da mal einziehen, herrscht Schweigen im Lande. Egal, ob man über die Pendlerpauschale Bescheid weiß, Kobalt mit Kobold verwechselt oder die Prozentrechnung nicht beherrscht, geschweige denn die deutsche Grammatik (wie aktuell die Justizministerin): Man will es doch schön haben. Koste es, was es wolle. Die als „Anbau“ klein geredete und gerechnete Verdoppelung des Gebäudes entspricht der Gesamtquadratmeter-Zahl des jetzt vorhandenen Dienstsitzes. Statt an eine Verschlankung des üppigen Personals zu denken, an drastische Einsparungen, so wie es gerade jeden im Lande trifft: Es wird geklotzt, als gäbe es kein Morgen mehr.

Mit der Erweiterung auf insgesamt 50.000 Quadratmeter Grundfläche wäre der deutsche Regierungssitz dann 16 Mal größer als das amerikanische und 20 Mal größer als das britische Pendant. Wozu braucht Deutschland eine so große Regierungszentrale? Es reicht ja schon, wenn man zur Absicherung auch des letzten Parteigängers einen Mammut-Bundestag bekommt. Als vergangenen Freitag die Katze aus dem Sack gelassen wurde, entpuppte sich der progagdandistisch als „Zweckbau“ angepriesene Anbau als Bläh-Bau. Es handelt sich um puren Luxus, der hier geplant ist. Der „Anbau„ enthält neun Wintergärten, die sich über fünf Etagen erstrecken und eine 250 Quadratmeter große Kanzlerwohnung, obwohl es im bestehenden Bau schon eine gibt, die noch nie genutzt wurde. Wer wohnt schon mit Kind und Kegel in einem seelenlosen Betonkasten. Übrigens gibt es dort kaum Spitzenkräfte mit Kindern (die auch der Autor nicht hat) Deshalb gleich ein Kindergarten mit nur 15 Plätzen. Der kostet allerdings mit 2,8 Millionen Euro dreimal so viel wie andere Kitas. Wenn schon, denn schon.

Je Quadratmeter ist der Neubau mit sagenhaften 18.529 Euro kalkuliert, also weit über den Kosten jeder vergleichbaren Verwaltungsgebäude. Zum Vergleich: Das wiederaufgebaute Berliner Stadtschloss, bei dem die Kosten (und das Kreuz auf der Kuppel!) das Haupt-Gegenargument der Linksfront war — es liegt bei schlappen 15.000 Euro pro qm. Leuten, die sich ihr Eigenheim vom Munde absparen müssen und selbst bei Niedrigzinsen ihre Kredite nicht mehr abzahlen können, weil eine völlig irre „Corona-Politik“ ihnen den Arbeitsplatz raubt oder sie zur Kurzarbeit zwingt, muss doch der Atem stehen bleiben.

Und was das Fass zum Überlaufen bringt: Die hohen Kosten werden sogar offensiv verteidigt. Man dürfe nicht hinter das „architektonisch-bautechnische Niveau des bestehenden Kanzleramtsgebäudes absinken“, wurde dem Rechnungshof mitgeteilt. Ganz nebenbei: Wer sich das Modell des neuen Protzbaus anschaut, wird das Gefühl nicht los, dass es sich bei dem „architektonischen Niveau“ um eine Wagenburg handelt. Mit einem riesigen Innengelände, in dem man sich Wandlitz-artig vom Volk abschirmen kann. Wo bleibt eigentlich die nicht zu Unrecht gepriesene Bescheidenheit der Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)?! Die geht doch sonst auch rigoros gegen alles vor, was ihr nicht passt. Und seien es demokratische Wahlen eines Landesparlaments. Im Stile von Fräulein Rottenmeier im erfolgreichsten Kinderbuch „Heidi“ die „Zügel anziehen“, das mutet sie nur dem Volk zu, nicht jedoch sich selbst.

Baustopp ist das Mindeste, was jetzt zu tun ist. Aber inzwischen haben wohl (fast) alle in Politik und Medien Beißhemmungen, was die amtierende Kanzlerin angeht. Es ist doch allemal schöner, sie als eine Mischung aus Mutter Teresa und Sissi weich zu zeichnen. Aber wo bleibt die Opposition mit einer Aktuellen Stunde im Bundestag, wo die Empörung des Haushaltsausschusses, wo das mahnende Wort des Chefmahners Steinmeier(oder Söder, der doch angeblich seinen Radius auf Bayern beschränken will, aber permanent in alle Richtungen mahnt und warnt und droht), wo der Protest der Gewerkschaften und des Steuerzahlerbundes gegen die Ausplünderung der Staatskasse für Selbstdarstellung und Allotria (neun Wintergärten soll es geben, in Worten: Neun!, die sich über fünf Etagen erstrecken) Oder wo bleibt eine Eilverfügung des Bundesrechnungshofes?! Er kritisiert wenigstens auf dem Papier das Luxus-Projekt. Nur ist das im Vorhinein nicht rechtsverbindlich. Allüberall Schweigen im Walde. Doch wie es in denselben hineinschallt, schallt es (hoffentlich) am nächsten Wahltermin heraus. Doch die herrschende Klasse kann auf das eherne Grund-Gesetz der Deutschen setzen: Der Wähler ist vergesslich. Traurig.

Aktuell kocht jedoch die Internet-Gemeinde, wenigsten das! Herrlich voller Phantasie, zum Beispiel: „Und die Wasserrutsche? Wo ist die Wasserrutsche?!“

Ach so: Was regen wir uns eigentlich auf?! Wer die geniale Berliner Baupolitik kennt, weiß, dass der neue Palast frühestens im Jahre 3010 eröffnet werden kann. Bis dahin bezahlen unsere Ururenkel die Vervierfachung der veranschlagten Baukosten. Noch Fragen?

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