16. November 2018

Wissenschaftler zweifeln an Fachkräftemangel

Quelle: jungefreiheit.de

DÜSSELDORF. Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) hat in einer Analyse starke Zweifel am Fachkräftemangel erhoben. „Weder können derzeit 48 Prozent der Unternehmen offene Stellen längerfristig nicht besetzen, noch gibt es 1,6 Millionen offene Stellen“, schreibt Eric Seils, Leiter der Vergleichenden Sozialpolitik.

Die Wissenschaftler des gewerkschaftsnahen Instituts sehen dahinter vielmehr eine mangelnde Zahlungsbereitschaft der Arbeitgeber. „Datenanalysen und Fallstudien zeigen, daß die Klagen der Unternehmer über den Fachkräftemangel ein Ausdruck ihres Bestrebens sind, die Arbeitskosten niedrig zu halten.“

Fachkräftemangel „deutlich überhöht“

Die Zahlen des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), wonach fast jedes zweite Unternehmen klagt, Stellen längerfristig nicht besetzen zu können, seien „widersprüchlich und deutlich überhöht“, heißt es in dem Bericht des zur Hans-Böckler-Stiftung gehörenden Instituts.

Seils Studie hält dagegen die Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung für realistisch. Demnach seien etwas weniger als 1,2 Millionen Stellen offen. Viele davon seien aber frei, weil die Arbeitsnehmer häufig die Stelle wechselten. „Eine hohe Zahl offener Stellen in einer Branche ist nicht als ‘Fachkräftemangel’ zu interpretieren, sondern verweist in erster Linie auf eine hohe Personalfluktuation.“

Niedrige Zahlungsbereitschaft

Die Daten des Instituts zeigten, daß Unternehmen die ein höheres Geschäftsrisiko durch steigende Arbeitskosten aufwiesen, umso mehr einen „Fachkräftemangel“ als Risiko für ihr Geschäft angeben würden. Betroffen seien hier vor allem Niedriglohnbranchen, in denen „weit unterdurchschnittliche Anforderungen an die Qualifikation gestellt werden“.

„Ursächlich ist also kein Mangel an Fachkräften, sondern an Zahlungsbereitschaft. Eine Einwanderungspolitik, die den deutschen Niedriglohnsektor mit niedrig entlohntem Personal versorgen soll, ist ökonomisch schädlich und gefährdet die gesellschaftliche Akzeptanz einer tatsächlich wünschenswerten Einwanderung von Fachkräften“, resümiert Seils. (mp)